Szenario 4 | Stoffkreisläufe + Wohnen

Die produktive Stadt

Stadt kann nicht ohne Landschaft gedacht werden: Ernährung, Wasserkreisläufe, Luftreinigung, Recycling von Stoffen – was kann das Patrick Henry Village als neuer Stadtteil in diesen Bereichen in Zukunft leisten? Wie kann der zurzeit lineare urbane Metabolismus der Stadt in ein Kreislaufsystem überführt werden, der mit den umgebenden natürlichen Stoffkreisläufen besser interagiert? Welche Möglichkeiten bestehen, eine produktive Landschaft zu entwickeln, in der technische Infrastrukturen mit anspruchsvollen Freiräumen kombiniert werden? Um diese Fragen für das PHV zu beantworten konnte die IBA Herbert Dreiseitl und Katrin Bohn gewinnen.

Herbert Dreiseitl ist Stadtplaner und Landschaftsarchitekt. In den 1980er-Jahren baute er sein Planungsbüro Atelier Dreiseitl in Überlingen auf. Das Büro hat mittlerweile Tochterfirmen in Singapur, Beijing und Portland, USA. Wasserkunst, Regenwassermanagement oder Landschaftsarchitektur mit Wasserelementen – im Zentrum seiner Arbeit steht die innovative Nutzung von Wasser im urbanen Kontext als Lösung für städtische Umweltprobleme. Neben seinen Großprojekten in Singapur sind garten- und landschaftsarchitektonische Gestaltungen etwa am Potsdamer Platz in Berlin oder in der Solarcity in Linz mit seinem Namen verknüpft.

Katrin Bohn ist Architektin und lehrt an der University of Brighton. Sie war Gastprofessorin für Stadt und Ernährung am Institut für Landschaftsarchitektur und Umweltplanung der TU Berlin. Gemeinsam mit André Viljoen betreibt sie Bohn&Viljoen Architects, ein Architektur- und Umweltberatungsbüro in London und in Berlin. Projekte des Büros sind neben Veröffentlichungen, Machbarkeits- und Entwurfsstudien zur urbanen Landwirtschaft auch Installationen, öffentliche Events und die Begleitung von Partizipationsprozessen.

In dem Szenario von Bohn und Dreiseitl wird das Gebiet wird in einzelne Cluster unterteilt. Diese Cluster bestehen aus Gruppen von Gebäuden, die aus Sicht der Stoffströme in einen produktiven Austausch miteinander treten können. Die Risikobereitschaft für die Anwendung neuer Technologien ist höher, wenn statt einer großen Lösung verschiedene kleinräumige innovative Experimente gestartet werden. Ziel ist es dabei, eine hohe Beteiligung von forschenden Einrichtungen und innovativen Unternehmen bei der Neuplanung und Errichtung zu erreichen.

Durch die Parallelität verschiedener Ansätze bei der Planung der Stoffströme in den Clustern entsteht eine hohe Diversität an Gebäuden und technischen Lösungen. Diese Vielfalt erhöht zum einen die Resilienz des Gesamtsystems und produziert zugleich eine vielfältige urbane Landschaft.

Der spezifische Naturraum im Rheintal am Rande des Odenwalds mit seinen Ökosystemdienstleistungen (Luft, gespeichertes und gereinigtes Wasser, Rohstoffe, Nahrung, usw.) war die Grundlage für Urbanisierung in der Vergangenheit. Die natürlichen Prozesse haben die Besiedlung des Rheintals durch die Menschen beeinflusst, und die menschliche Nutzung hat das Rheintal als Kulturlandschaft geformt. Im Zuge der Industrialisierung hat sich die Landschaft durch neue Wechselwirkungen, z.B. den Einbau verschiedenster technischer Infrastrukturen, weiter verändert. So erklärt sich die Lage des PHV als Militärbasis vor allem aus der Lage an der Autobahn und einem Baugrund in der Ebene. Dennoch ist diese Siedlung heute Teil der natürlichen Prozesse (Klima, Wasserkreislauf, Lebensraum, Flora und Fauna) und der urbanen Stoffkreisläufe (Gebäudeaufbau/-abbau, Energiebereitstellung/-nutzung…). Außerdem ist im PHV, wie auch anderswo in Heidelberg, der „Fußabdruck“, den jeder Mensch in der Landschaft durch seinen Konsum an Rohstoffen und Nahrungsmitteln und die dadurch anfallenden „Abfallprodukten“ direkt und indirekt hinterlässt, ablesbar. Das Szenario macht diese Prozesse und Stoffkreisläufe im PHV sichtbar und verwandelt sie in Potentiale für die Gestaltung einer lebenswerten Stadtlandschaft.

Ein Stadtteil wird nur unter bestimmten Bedingungen als Stadtteil wahrgenommen. Zu diesen Bedingungen zählen bauliche Dichte, bauliche und funktionale Vielfalt, eine vielfältige Bewohnerschaft, sowie das Vorhandensein stadtteilprägender und nachbarschaftskonstituierender Beschäftigungs- und Freizeitangebote. Das PHV ist zurzeit von monotonen Freiflächen und einer geringen baulichen Dichte geprägt, die aus militärischer Logik heraus entwickelt wurden. Für einen attraktiven Stadtteil muss die Vielfalt an baulichen Typologien erhöht werden. Es werden zwei alternative Wege der Verdichtung vorgestellt. In beiden Szenarios wird von 8.000 – 16.000 zukünftigen Bewohner ausgegangen.

Im Freiraum wird durch viele verschiedene produktive Landschaftstypen (Nahrungsmittelproduktion, Wassermanagement, Energiegewinnung), die zugleich gestalterisch ansprechender Aufenthaltsraum sind, eine höhere Vielfalt erzielt. Bei der Szenariovariante, die mit dem bestehenden Gebäudemuster arbeitet, sind mehr bodengebundende produktive Landschaftstypen möglich. Bei der Szenariovariante, die mit einem neuen Gebäudemuster arbeitet, wird sowohl im Freiraum als auch in der gebauten Struktur verdichtet. Hier müssen tendenziell mit größerem technischen Aufwand vertikale Flächen und Dächer erschlossen werden, um die Flächen auf dem Boden zu kompensieren.

Der Charakter des neuen PHV wird neben den Gebäudeformen durch seine Lage zwischen der Agrarflächen und durch die Freiräume im Gebiet geprägt. Die Rolle des Freiraums muss bei dem Entwurf einer neuen Identität des PHV deshalb besonders bedacht werden. Ziel ist die Überlagerung von nötiger Infrastruktur mit gestalterisch anspruchsvollen Freizeiträumen zu neuartigen produktiven Freiraumtypen. Diese neuen Landschaftstypen (Weinberg auf dem Lärmschutzwall, Gründachlandschaften, lebende Balkone) und bekannte Landschaftsbilder (Streuobstwiese, Allée im Mobilitätskorridor) werden kombiniert, um eine klare Differenzierung zu anderen Stadtteilen Heidelbergs und eine Abgrenzung zu der Landwirtschaft zu schaffen. Ein solch unverwechselbares Bild und ein Stadtraum, den die Bewohner mit Leben erfüllen und auch in Anteilen aktiv mitgestalten können, ist die Basis für Identitätsbildung und Verbundenheit, aber auch für Verantwortung der Planenden und zukünftig dort Lebenden.

Die neue Identität des neuen Patrik Henry Village wird stark von der Landschaft heraus entwickelt. Bezüge in die Landschaft werden nicht nur gestalterisch sondern auch (wieder) auf der Ebene der Infrastruktur hergestellt. Die Ökosystemdienstleistungen der Natur werden kombiniert mit denen neuster Technik um eine zugleich ressourcenschonende und angenehme Lebens- weise zu ermöglichen. Zugleich werden diese Stoffkreisläufe intelligent in die bestehenden Systeme der Stadt und Region eingegliedert. Ziel ist ein vielfältiges Quartier, das durch die verschiedensten produktiven Nutzungen des Freiraums entsteht und so anfallende Ausgaben für die technische Infrastruktur, der Nahrungsmittelproduktion mit ästhetisch ansprechender Freiraumgestaltung vereint.